Trainingslager und ein eigenes Kinderzimmer für die Küken der
südafrikanischen Brillenpinguine
Auf 72 Tiere ist die Brillenpinguin-Kolonie im Allwetterzoo inzwischen
angewachsen. Allein im letzten halben Jahr schlüpften 24 Küken aus den
Eiern! Nie zuvor hat es in der knapp 30jährigen Geschichte der Pinguine in
Münster so viele geglückte Aufzuchten gegeben. Mehr noch: europaweit findet
sich kein Zoo, in dem zumindest in der letzten "Brutsaison" mehr Pinguine
geschlüpft sind. So melden die Zoologischen Gärten von Amsterdam/NL und
Paignton/GB für das vergangene Jahr 14 bzw. 13 aufgezogene Brillenpinguine.
Zu verdanken ist der Erfolg in Münster vor allem den Tierpflegern, die den
Küken viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen, und die den willigen
Pinguinpaaren erstmals eine störungsfreie zweite Brut ermöglicht haben,
indem sie eine separate "Kinderstube" einrichteten. Die erste Schlupfzeit
der kleinen "Frackträger" war bislang von August bis September, dann gab es
noch einmal von Dezember bis Januar Küken. Jetzt schlüpften im Allwetterzoo
aber auch im Oktober und im Februar Pinguine.
Nicht nur die Idee, die selbständig gewordenen Jungpinguine zunächst
getrennt von den Eltern unterzubringen, sondern auch der enorme persönliche
Einsatz der Pfleger haben zu dem tollen Zuchterfolg im Allwetterzoo geführt.
Pinguineltern in Südafrika versorgen ihre Küken rund 100 Tage, dann hören
sie allmählich mit dem Füttern von vorverdautem Fischbrei auf. Bis dahin
haben sich die Jungen die fürs Überleben notwendigen Fettreserven zugelegt
und wiegen meist mehr als ihre Eltern. Im Zoo füttern Pinguin-Eltern ihre
Küken etwa 60 Tage, dann nehmen die Pfleger die Jungen in ihre Obhut.
Während sich in Südafrika die "verstoßenen" Jungpinguine in Gruppen zusammen
finden, um gemeinsam den Fischfang zu meistern, gehen die Küken in Münster
in die "Pinguinschule". Hier lernen sie, aufgetaute Sprotten oder
Fischstücke als Futter zu akzeptieren. Denn im Zoo nützen den kleinen
Pinguinen die ererbten Fähigkeiten nicht: Die Futterfische bewegen sich
nicht und lösen deshalb nicht den Anreiz zur Jagd aus. Bis die Pinguine das
Fressen von Futterfischen perfekt beherrschen, durchlaufen sie im
Allwetterzoo ein ausgeklügeltes, mehrwöchiges Training in mehreren Stufen.
In die erste "Abteilung" hinter den Kulissen der Pinguinanlage setzen die
Pfleger das Küken, wenn es von den Eltern nicht mehr gefüttert wird. Hier
hockt es und hackt mit dem Schnabel nach allem was sich nähert, um sich zu
verteidigen. Dieses Verhalten nutzen die Pfleger aus, indem sie dem Kleinen
einen Fisch direkt vor den Schnabel halten. Der Pinguin schnappt zu und
schluckt - und wird satt. Sobald er den Fisch freiwillig aus der Hand nimmt,
bringen ihn die Pfleger erstmals in seinem Leben ins Wasser und bieten ihm
den Fisch an der Wasseroberfläche an. Die Hand mit dem Fisch ist dem
Jungpinguin bekannt: Er schnappt und wird satt. Dann muss der Kleine es
lernen, den Fisch auch ohne die vertraute Hand als Nahrung zu erkennen und
danach zu tauchen.
Hat ein Pinguin das Training erfolgreich bestanden, gilt er als selbständig
und siedelt zu den anderen Jungpinguinen in die "Kinderstube" um, das ist
eine separate Voliere mit Wasserbecken in der Nähe der Watvogelanlage im
Zoo. Ist die Brutzeit der Eltern vorbei, darf er in die große Kolonie aller
Brillenpinguine. Hier ist er noch etwa ein Jahr als Jungpinguin zu erkennen;
denn so lange dauert es, bis sein Gefieder die typische Zeichnung zeigt.
Junge Pinguine sehen eher grau und unscheinbar aus. Mit einem Lebensjahr
wird er erwachsen sein, mit etwa zwei Jahren geschlechtsreif. Dann wird er
sich im Zoo einen Partner fürs Leben suchen und selbst Nachkommen haben.
Mitte Februar leben von den seit August 2003 im Allwetterzoo geschlüpften
Brillenpinguinen zehn bereits in der "Kinderstube", einer schwimmt schon im
"Lernbassin", drei lernen das Fressen aus der Hand und zehn sind noch bei
den Eltern in der Kolonie. Vier dieser Küken sind mittlerweile so groß wie
ihre Eltern, tragen aber noch den dichten grauen "Babyflaum". Sie werden in
den nächsten Tagen in die "Pinguinschule" kommen. Die anderen sechs, die vom
20. Januar bis 11. Februar geschlüpft sind, sitzen von den Eltern wohl
behütet in den Nestern.